Warum Hanny keinen Kaffeeklatsch mag

Entschuldigung, wir waren doch schon beim Du oder?

Ich treffe Hanny in einer Seniorenwohngemeinschaft in einem Stadtteil von Darmstadt. Hier lebt sie seit einem Jahr gemeinsam mit 9 weiteren Bewohnerinnen. Hanny ist Darmstädterin und lebt schon immer in Darmstadt. Bevor sie in die WG gezogen ist hat Hanny alleine in ihrer kleinen Wohnung gelebt. Seitdem ihr Lebensgefährte vor ein paar Jahren zurück nach Amerika gegangen ist, hat sich ihre Tochter Swantje um sie gekümmert, bis der Umzug in ein betreutes Wohnen nötig wurde.

Die Wohngemeinschaft für demente Senioren befindet sich in einem unscheinbaren Wohnhaus, gelegen in einer ruhigen Wohnsiedlung von Darmstadt. Nichts lässt von außen auf eine Senioren WG schließen, in der 10 Rentnerinnen mit Demenz gemeinsam leben.

Ich klingele, eine Pflegerin öffnet mir die Haustür, ich gehe durch den Hausflur, höre angeregte Gespräche, folge den Stimmen und laufe gerade auf einen Tisch voller älterer Damen in bunten Bademänteln und Jogginganzügen zu. Eine gemütliche Runde. Alle haben Tee oder Kaffee vor sich stehen, die Tageszeitung liegt auf dem Tisch. Lebensmittelpunkt der WG scheint der große ovale Holztisch zu sein, um den die Bewohnerinnen sitzen. In dem großen Wohn- und Essbereich, an den die Küchenzeile grenzt, ist eine ehrenamtliche Köchin schon damit beschäftigt in einer großen Schale Teig zu rühren. „Heute gibt es Pfannkuchen zum Mittagessen“ – das steht auf einer großen gläsernen Tafel, die in der Küche an der Wand hängt, handschriftlich mit Kreide geschrieben. In dem großen aber sehr heimeligen Raum ist es sehr warm, die Stimmung ist auch aufgeheizt, die Bewohnerinnen sind alle neugierig, was ich hier heute mache und rufen kreuz und quer durcheinander. Ich setze mich in die gemütliche Runde dazu, alle begrüßen mich herzlich und ich beantworte geduldig die Fragen wer ich bin und was ich hier mache.

Eine Weile später kommt Hanny in den Raum, begrüßt mich mit einem offenen Lächeln und freut sich sichtlich über den Besuch. Sie ist eine große schlanke Frau, sie wirkt selbstbewusst und offen. Ich ertappe mich nach äußeren Anzeichen einer Demenz zu suchen, kann aber keine finden.

 

„Hier leben zur Zeit nur Frauen. Das hat mehr einen Kaffeeklatsch-Charakter“, erklärt Adrienne

 

Wir ziehen uns in eine Ruhezone am anderen Ende des Gemeinschaftsraumes zurück, in der zwei Ledersessel stehen. Kurz darauf begrüßt mich Adrienne Zehner. Sie ist WG Koordinatorin und unterstützt mich bei dem Interview: „Hier leben zur Zeit nur Frauen. Das hat mehr einen Kaffeeklatsch-Charakter“, sagt sie lächelnd.

Sie bittet erst Hanny und dann mich, ihr nach unten zu folgen. Für mein Interview mit Hanny gehen wir ein Stockwerk tiefer, die Treppen runter in einen Büroraum, in dem ein gemütliches Sofa und zwei große gepolsterte Sessel um einen runden Holztisch stehen.

Hanny setzt sich in unsere Mitte. Adrienne holt die Pflegeakte von Hanny aus einem Schrank und fragt die Seniorin, ob sie mir ein paar Informationen aus ihrer Pflegeakte vorlesen darf, damit ich sie besser kennen lernen kann. Hanny lächelt und stimmt zu.

Adrienne ließt vor, dass Hanny seit 6 Jahren Demenz hat, dass sie mit ihren 72 Jahren körperlich noch ziemlich fit und aktiv ist und auch vom Kopf her noch sehr wach ist. „Wir haben da andere, die deutlich eingeschränkter sind“, fügt Adrienne hinzu.

Adrienne unterstützt Hanny gekonnt in unserem Gespräch und gibt ihr das Gefühl „ganz normal zu sein“ indem sie sie selbständig antworten lässt und ihr zu keiner Zeit das Gefühl gibt etwas nicht richtig beantworten zu können. Vielmehr unterstützt sie Hanny dabei, sich zu erinnern indem sie ihr kleine Gedankenhilfen und Stichworte gibt, wenn Hanny mal etwas unsicher scheint und lobt sie für die Dinge, die sie noch besonders gut kann. Ich bemerke häufig, dass Adrienne sehr einfühlsam auf den aktuellen Gefühlszustand von Hanny eingeht. Ein Interview, das mir zeigt, wie wichtig es ist auf den Betroffenen einzugehen und ihn nicht zu übergehen.

Ich frage Hanny, ob ihr die Wohngemeinschaft und das Zusammenleben mit den anderen Bewohnerinnen gefällt. Die Rentnerin wird etwas nachdenklicher und erzählt mir, dass Kaffeeklatsch nicht so ihre Art sei.

 

„Hanny hilft immer gerne, geht mit den Pflegerinnen einkaufen, schiebt gerne den Einkaufswagen und ist damit eine große Hilfe und Unterstützung!“

 

Adrienne fügt ihrer Antwort ergänzend hinzu: „Hanny hilft immer gerne, geht mit den Pflegerinnen einkaufen, schiebt gerne den Einkaufswagen und ist damit eine große Hilfe und Unterstützung!“

Das freut Hanny, sie strahlt über das ganze Gesicht und antwortet: „Gut gut, ach das tut mir jetzt aber gut gelobt zu werden! Ich bin auch viel gewandert früher“, sagt Hanny und erzählt uns zu unserem Erstaunen fast fehlerlos von ihrem Leben, dass sie als eine der wenigen Frauen damals ein Informatik Studium absolvierte, dass sie verheiratet war und dass sie eine Unternehmensberatung gegründet und sich selbstständig gemacht hat.

Bei meiner Frage, ob Hanny Kinder hat, kommt die demente Seniorin ins stocken. Adrienne bemerkt ihre Unsicherheit und hilft Hanny sich zu erinnern indem sie aus ihrer Mappe vorließt. „Ich glaube du hast ein Kind, oder Hanny?“ Hanny zögert bevor sie fragend antwortet: „Ne, ne das waren mal mehr?“. „Du hast noch 2 Geschwister“, antwortet Adrienne.

Die Situation scheint Hanny unangenehm zu sein, sie senkt ihren Kopf und schaut schüchtern in ihre Hände, die auf ihrem Schoß liegen. Hanny wiederholt, dass sie in der Uni und auf der Arbeit mehr mit Männern zu tun hatte und auch mit zwei Brüdern aufgewachsen ist. Im nächsten Satz erzählt sie mir, dass sie ja auch zwei Brüder hatte, mit denen sie aufgewachsen ist und dass es mit Frauen keine engeren Kontakte gab.

Auf die Frage, ob sie selbst merkt, dass sie vergesslich ist, antwortet Hanny leise und flüstert fast, so dass ich nicht verstehe, was sie sagt. Als ich nochmal nachfrage nuschelt Hanny ein unverständliches, „..sch weiß ich nicht. Ich merke das schon, dass ich vergesslich bin. Das ist nicht neu wenn mir das jemand sagt“.

 

Hanny hat 2013 die Diagnose Demenz erhalten“

 

Hanny hat 2013 die Diagnose Demenz erhalten“, lenkt Adrienne ein. Hanny hört zu. Jetzt richtet sie auch ihren Kopf wieder auf. Es wirkt so als ob Hanny dankbar für Adriennes Hilfe ist. Selbstbewusst und mit lauter Stimme klickt sich Hanny wieder mit in unser Gespräch ein „2013 achso, hast du das da stehen?“. Hanny lacht.

Nach einem kurzen Moment in dem wir alle Innehalten fragt Hanny: „Entschuldigung, wir hatten doch schon du gesagt oder? Jetzt habe ich wieder sie gesagt!“

In einigen Situationen wirkt die Rentnerin mit Demenz überraschend klar und reflektiert. Adrienne die WG Koordinatorin beginnt weiter aus der Mappe vorzulesen:„Zunehmende Gedächtnisstörungen, Kooordinationsstörungen, nicht mehr sicher beim Laufen, auch häufige Stürze…“

Ich beobachte Hanny, die aufmerksam zuhört. „… und seit 2017 war dein Verhalten zunehmend anders, also im medizinischen Fachjargon wurden zunehmende Verhaltensstörungen festgestellt“, ergänzt Adrienne. „Ja ja, hm hm“, Hanny lacht und sagt: „Das ist schon ok, ich habe das auch selbst gemerkt. Also das war schon in meinem Kopf. Ich habe mich selbst gefragt, wie kann ich das in den Griff bekommen?“

Die Seniorin erzählt mir, dass es ab einem gewissen Alter immer schwieriger für sie wurde, sich im Haushalt zu organisieren. „Ich habe gemerkt, dass Lebensmittel besorgen und das ganze Zeug nicht mehr mein Fall war“.

Hanny hat angefangen selbst im Internet zu recherchieren, woher ihre Unsicherheiten im Haushalt und ihre zunehmende Vergesslichkeit kommen und was das für Ursachen haben könnte. „Ich habe ja viel als Informatikerin mit dem Internet gearbeitet und ich war ja auch selbstständig und habe sehr viel gemacht. Ich habe dort recherchiert, was Demenz ist“. Hanny sackt wieder in sich zusammen, scheinbar macht es sie nachdenklich über ihre Erkankung zu sprechen.

Adrienne lenkt ein und erzählt: „Du warst hier ganz glücklich an deinem ersten Tag, Hanny, dass wir dir Kuchen und Kaffee angeboten haben. Du bist immer fröhlich und lachst.“ „Ach das ist doch gut, dass ist auch wichtig für mich so eine Bestätigung zu bekommen, dass ich nicht ganz absacke“.

Ich versuche mit Hanny über ihre Tochter Swantje zu sprechen, mit der ich auch ein Interview geführt habe und frage, was die Senioren mit ihrer Tochter unternimmt, wenn sie sie besuchen kommt. Hanny denkt nach und antwortet nach einer Weile, wieder mit etwas leiser Stimme: „Naja, durch ihr Studium ist sie sehr beschäftigt, da braucht sie Zeit für sich. Sie kann nicht oft vorbei kommen“. Dass ihre Tochter Swantje schon lange berufstätig ist und vor kurzem Mutter geworden ist, fällt der Seniorin nicht ein.

Adrienne hilft ihr auf die Sprünge: „Gut Hanny. Die Swantje, sie muss ihren Alltag neu ordnen und ist sehr eingebunden. Weißt du warum?“ Hanny antwortet mit nachdenklichem Gesichtsausdruck: „Achso, sie ist glaube ich schwanger“.

 

„Deine Enkelin ist gerade auf die Welt gekommen“

 

“Deine Enkelin ist gerade auf die Welt gekommen“, hilft ihr Adrienne sich zu erinnern. Hanny antwortet wieder etwas traurig: „Ja, ab einem gewissen Alter vergisst man halt doch so einiges“. Adrienne will der Renterin ein gutes Gefühl geben und erklärt ihr, dass sie und ich auch einiges vergessen und wir nur halb so alt sind wie Hanny. Hanny strahlt wieder, schaut uns an: „ja, das tut mir gut. DANKE!“

Hanny will mir ihr Zimmer zeigen. Ich begleite sie nach oben in den zweiten Stock, in dem die Bewohner ihre Zimmer haben. Hanny zieht ihren hellblauen Strickpulli ein wenig hoch und holt zu meinem Erstaunen nach einer Weile Kramerei einen Teelöffel aus ihrem BH. Mit dem Löffel öffnet sie gekonnt das Schloss ihrer Zimmertür und lacht dabei. Ich ertappe mich dabei, wie ich schmunzle und dabei denke „was die Hanny alles kann“.

In ihrem Zimmer zeigt mir die demente Seniorin ihren Lieblingsplatz, ihre Leseecke. Hanny setzt sich auf den großen Ledersessel und erzählt mir: „Hier ist das Zwischenmenschliche nicht so intensiv. Deshalb lese ich sehr gerne zum Beispiel die Tageszeitung, das Aktuelle, was so passiert und was man Neues erleben kann, das interessiert mich“.

Ich versuche noch einmal auf das Thema Demenz zu sprechen zu kommen. Hannys Magen knurrt laut, sie wirkt mittlerweile unkonzentriert und signalisiert mir mit einem Blick zum Boden, dass sie keine Lust hat, auf meine Frage zu antworten. Adrienne, die WG Koordinatorin, lenkt ein: „Ich denke, dass Hanny noch eine hohe Grundintelligenz hat. Von ihrem Grundwissen ist noch sehr viel vorhanden. Sie hat studiert, ein eigenes Unternehmen gegründet, sie liest noch, das geht ja auch normalerweise unheimlich schnell verloren, wenn man eine Demenz hat.“

Hanny richtet sich auf, man sieht ihr buchstäblich an wie gut ihr die Worte tun: „Ach das tut gut. Das Gespräch hat sich gelohnt, danke, vielen Dank!“, antwortet Hanny und lacht glücklich.

Nach einer knappen Stunde im Gespräch wird Hanny zunehmend unruhig. Hanny gähnt, sie sagt sie muss zur Toilette. Sie signalisiert, dass sie nicht mehr sprechen möchte. Ich verabschiede mich von Hanny und bedanke mich für ihre Zeit und ihre Offenheit, ihre Geschichte mit mir zu teilen, bevor sie mit Adrienne im Flur verschwindet.

 

 

 

 

1 Comment
  1. Toll, dass es so ein Blog gibt. Herzlichen Glückwunsch! Mein Anliegen ist Angehörige und Menschen mit Demenz zu ermutigen, nach dem Erhalt der Diagnose und nach dem ersten Schock, trotz allem mit Selbstbewusstsein weiter zu gehen und oft mit professioneller Unterstützung einen Weg zu suchen, zu finden und zu gehen, um Lebensqualität zu erlangen.
    Ich bin bereit mich einzufühlen, um einige Schritte gemeinsam den Weg zu suchen.

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