Die ehemalige Lehrerin Marianne setzt auf geistige Beschäftigung

 

Marianne ist 88 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Magdeburg.

Ihre ersten Jahren als Lehrerin für Deutsch, Englisch und Russisch, erlebte sie noch in Magdeburg, ehe sie 1972 in den Westen fliehen musste und im Rheintal eine neue Heimat mit Perspektive fand. So erinnert sich Marianne: “Das Rheintal war das Richtige. Eine wunderbare Gegend, eine wunderbare Landschaft und da konnte man auch gut Arbeit finden”.

Die Lehrerin, die Schüler aus der Mittelstufe unterrichtete, hatte großen Spass an ihrem Beruf, den sie bis zum Renteneintritt weiter ausgeübt hat. Marianne erzählt mir, warum ihr gerade die Arbeit mit älteren Schülern gefiel: „Grundschule, das war nichts für mich. Ich wollte lieber die höheren Klassen unterrichten, weil ich mich da auch mehr anstrengen musste und das war auch gut. Es war schön“, erinnert sich die Rentnerin.

 

 

Nach dem Tod ihres Mannes erlebte die lebensfrohe Dame einen Zusammenbruch und musste im Anschluss lange Zeit im Krankenhaus versorgt werden, bevor sie dann in ein Seniorenheim nach Stockstadt gezogen ist. Marianne erzählt mir, warum sie in einem Seniorenheim lebt: „Meine Venenklappen schliessen nicht mehr, deshalb sitze ich im Rollstuhl. Meine Beine können einfach nicht mehr. Aufstehen und rumlaufen, mobil sein – das funktioniert nicht mehr. Aber vom Kopf her bin ich noch ganz fit und das ist mir viel wichtiger“, betont die aufgeschlossene Renterin.

Die Einrichtung ihres Zimmers verrät viel über die Interessen der Seniorin. Neben ihrem Pflegebett steht ein riesiger offener Wandschrank, vollgepackt mit Büchern und vor der Fensterfront, die zur Straße blickt, sind grüne Pflanzen in Richtung der Sonne aufgestellt. Über die Pflanzen verrät mir Marianne im Verlauf unseres Gespräches noch etwas tiefgreifendes.

 

 

„Lesen ist eben auch eine geistige Beschäftigung, die man nicht aufgeben sollte im Alter.“

 

Marianne liest sehr viel und hat eine Krimisammlung. „Aber nur anspruchsvolle Krimis”, versichert sie mir. An ihren Büchern hängt die bettlägrige Seniorin sehr. „Lesen ist eben auch eine geistige Beschäftigung, die man nicht aufgeben sollte im Alter.“

Einer Pflegerin aus Polen hilft die ehemalige Lehrerin beim Lernen für ihre Prüfungen. Mit einer anderen Pflegehelferin, die aus Kamerun kommt, spricht sie französisch. „Das ist eine gelungene Abwechslung für mich! Ich meine, das Alter bringt doch auch Erfahrung mit sich, und diese Erfahrung kann man auch weitergeben. Da bin ich sehr glücklich darüber, dass ich anderen Menschen – auch wenn ich mehr oder weniger an mein Zimmer gebunden bin – noch etwas beibringen darf.“

Das Seniorenheim hat drei Stockwerke. Bewusst hat Marianne sich ein Zimmer im dritten Stock ausgesucht. Dort kann sie sich zurück ziehen, während im unteren Stock mehrere Bewohner mit Demenz leben. Mit den Bewohnern aus dem unteren Stock, die Demenz haben, beschäftigt sie sich eher selten. Kaum geht die Senioren nach unten in den Aufenthaltsraum, aber wenn sie runter geht dann versucht sie sich gerne einzubringen. Ihre Erfahrungen nutzt die pensionierte Lehrerin gerne, um ausgewählte Geschichten aus ihren Büchern vorzulesen.

Ein Ausflug zu ihren Mitbewohnern ist aber eher die Ausnahme für Marianne. Sie erklärt mir warum: „Ich habe einiges von diesen Leutchen unten erlebt, als sie noch nicht so dement waren. Ich muss dir das ganz ehrlich gestehen, ich gehe nur zu Festen runter. Ich möchte mir das selber nicht zumuten, zu sehen, wie die Leutchen allmählich zerfallen. Ich komme gerne runter, um vorzulesen. Aber ansonsten komme ich nicht runter. Das kann ich nicht ertragen. Das ist irgendwie – wie soll ich sagen? Es tut mir leid, dass sie sich nicht mehr erinnern können. Es ist schon eine Konfrontation und ich mute mir das nur zu bestimmten Zeiten zu. Ich muss mehr Kraft aufwenden innerlich und die brauche ich auch für mich. Ich müsste wesentlich mehr Kraft aufwenden, wenn ich öfters unten wäre.

Ich nehme sie so, wie sie sind. Es ist aber so: Wenn ich runter gehe, um ihnen vorzulesen, dann kommen sie alle an den Tisch und sitzen ruhig da. Dann machen wir ihnen die Ärmel hoch, damit sie sie nicht in den Kaffee tunken und dann sitzen alle ganz brav und hören zu. Das freut mich und da kann ich auch ein bisschen Freude geben.“

Auf meine Frage, wie sie mit dem Alter und eventuellen Ängsten vor einer Demenz umgeht, kontert sie: “Ich habe überhaupt keine Angst vor Demenz, das sollte man auch nicht haben. Ich habe bisher die 88 Jahre gut verarbeitet und hoffe, dass es auch noch weiterhin so bleibt. Dass ich Anteil nehmen kann an Dingen, die passieren und nicht nur im Bett liege und Däumchen drehe. Solange du es noch kannst, mache es. Ganz gleich, was es ist. Du weißt ja nie, wann es nicht mehr geht.“

 

„Die erinnern sich ja nicht mehr, die Leutchen, die Demenz haben. Wir leben ja auch in der Erinnerung und wenn wir keine Erinnerung mehr haben, ist das ganze frühere Leben weg, das ist traurig.

 

Marianne möchte gar nicht daran denken, ihre Erinnerung zu verlieren – das wäre für sie viel schlimmer als die Bettlägerigkeit: „Die erinnern sich ja nicht mehr, die Leutchen, die Demenz haben. Wir leben ja auch in der Erinnerung und wenn wir keine Erinnerung mehr haben, ist das ganze frühere Leben weg, das ist traurig. Solange ich noch die Kraft habe, helfe ich gerne, aber ich bin 88 Jahre, da muss man sich die Kräfte gut einteilen.“

Die Seniorin möchte positiv bleiben, nicht an Demenz denken, sondern nach vorne schauen und sich mit geistiger Beschäftigung fit halten. Warum ihr dabei ihre Pflanzen helfen und ein Vorbild sind erklärt mir die Seniorin und gibt mir eine Botschaft mit auf den Heimweg, die mich noch lange nach unserem Interview begleitet: „Die Pflanzen, die machen uns viel vor. Sie leben und wenn man was von ihnen abreißt, dann können sie es ersetzen und das können wir alles nicht. Die Pflanzen können nur nicht wegrennen, das können sie nicht, aber ansonsten können sie vieles mehr als wir.“

 

 

 

 

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